Bericht aus der Siegener-Zeitung
Die 50 Sänger des Männerchores Wilnsdorf begeisterten das Publikum gestern Abend
mit Stücken von Klassik bis Pop. Doch auch den Worten von Helga Josche lauschten
die Anwesenden gespannt. Fotos: hema (1)/privat (2)
Die Welt verändern
Wilnsdorf - Mit ihrem Verein Ekukhanyeni unterstützt
Helga Josche Waisenkinder in Südafrika
Wichtig ist in erster Linie, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.
hema ■ Es ist Ende September 2014. Helga Josche ist am Boden zerstört. Mädchen sind
ermordet worden. Viele Mädchen. Helga Josche kannte diese Mädchen. Sie hat sich für sie
eingesetzt, sich um sie gekümmert. Jetzt sind diese Mädchen tot. Ermordet, vergewaltigt – wie
das so oft geschieht in Afrika. Lizzy, wie sie liebevoll nach ihrem Zweitnamen Elisabeth von
den vielen Kindern, die sie betreut, genannt wird, ist emotional am Ende. Wenn sie von
diesem Tag berichtet, dann spricht die Wilnsdorferin von einem entscheidenden Moment.
Aufgeben oder weitermachen. Das Projekt Ekukhanyeni, das sie über Jahre aufgebaut hat, in
das sie so viel Arbeit und Herzblut gesteckt hat. Aufgeben, in den Flieger steigen und nach
Deutschland zurückkehren? Nein, Helga Josche bleibt. Und so auch ihr Hilfsprojekt für
Waisen in Südafrika: Ekukhanyeni – was übersetzt so viel bedeutet wie Berg des Lichts und
der Hoffnung.
Die Idee für das Projekt entsteht 2010 in einem von Dominikaner-Schwestern geleitetem
Kloster in Afrika. Helga Josche pflegt in diesem Kloster, das gleichzeitig Hospiz und Schule
ist, ein Jahr lang Aidskranke, die von Krankenhäusern als hoffnungslos abgeschoben wurden.
Bei der Deutschen wächst der Wunsch, den von Aids betroffenen Kindern und Familien zu
helfen.
2011 dann gründet sie Ekukhanyeni. Innerhalb eines Jahres eröffnet sie zwei
Kindertagesstätten in Ndundweni und Kuyasa, dort werden insgesamt 55 Kinder betreut. Zwei
Jahre später gründet sie in Gqugquma eine Tagesstätte für 30 Kleinkinder, die aus ärmsten
Verhältnissen stammen und zumeist obdachlos sind. Außerdem unterstützt sie eine
Suppenküche in Oswathini mit Lebensmitteln, so dass 50 Schulkinder zwischen sechs und 18
Jahren täglich eine warme Mahlzeit bekommen können. 2014 baut sie im selben Ort die vierte
Tagesstätte für rund 20 Kleinkinder.
Insgesamt werden die von Ekukhanyeni gegründeten Tagesstätten und Suppenküchen in der
Region KwaZulu-Natal von 250 Klein- und Schulkindern aus der Region besucht. Sie sind
Anlaufstelle für die Kleinen, die teilweise jeden Tag mehrere Stunden Schulweg vor sich
haben, ohne Wasser und Nahrung. Außerdem sind die Wege gefährlich. Oft werden junge
Mädchen vergewaltigt, verschleppt oder gar getötet. Wann immer Helga Josche kann, nimmt
sie die Schulkinder in ihrem Landrover mit. Dort sind sie sicher. Die weiße Wilnsdorferin
hilft, wo sie helfen kann. Neben den Tagesstätten organisiert sie Kleidung für die Kinder,
finanziert Schulkindern Uniformen und Schuhe, um ihnen so einen Schulabschluss zu
ermöglichen. Sie klärt insbesondere die älteren Kinder über Aids auf und unterstützt Familien,
die in extremer Armut leben. Wichtig ist ihr dabei, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten.
Neuneinhalb Monate im Jahr ist sie vor Ort, die verbleibenden zweieinhalb Monate verbringt
sie in Deutschland. Damit in dieser Zeit die Tagesstätten und viele ihrer anderen Projekte nicht
zusammenbrechen, versucht sie den Südafrikanern ihr Wissen zu vermitteln, sie
weiterzubilden und selbstständiger zu machen.
Für den besten Weg aus der Armut hält Helga Josche Bildung. So muss sie nicht lange
überlegen, als sie im März vergangenen Jahres von Zinhle, einem jungen südafrikanischen
Mädchen, gebeten wird, ihr Studium zu finanzieren. Die 700 südafrikanische Rand,
umgerechnet knapp 50 Euro, kann das aus ärmlichen Verhältnissen stammende Mädchen nicht
selber zahlen. Es ist aber darauf angewiesen, wenn es studieren möchte.
„Ich musste keine fünf Minuten darüber nachdenken. Ich wusste, diesem Mädchen will ich
helfen.“ Helga Josche wirkt entschlossen, wenn sie von dieser Begegnung spricht. Noch am
selben Tag fährt sie das Mädchen persönlich zum College. Momentan absolviert Zinhle ein
Praktikum, voraussichtlich Ende des Jahres wird sie schon als Lehrerin unterrichten können
und ein eigenes Einkommen beziehen, mit dem sie dann ihre Familie unterstützen kann.
Entschlossen und gerührt war die Wilnsdorferin auch an diesem kalten Sonntag in der
katholischen Kirche in Wilnsdorf. Im Rahmen des Benefizkonzertes, das gestern Abend
stattfand, berichtete sie von den Erfolgen und Rückschlägen der vergangenen Monate, sprach
über ihre Ziele für 2015 und dankte den vielen Spendern, ohne die all ihre Mühen umsonst
gewesen wären. In den ländlichen Teilen und Townships Südafrikas sind 80 Prozent der
Menschen mit Aids infiziert, die Lebenserwartung liegt bei nur 30 bis 40 Jahren. Josche
schilderte die Probleme der Menschen, redete über Kriminalität und Korruption und wies auf
das Aufklärungsproblem und teilweise sehr veraltete Denkmuster der verschiedenen Stämme
hin. Sie thematisierte die Apartheid, die ihrer Meinung nach in den Köpfen der Menschen nach
wie vor bestehe, und stellte klar: „Ich sehe keine Farben, ich sehe nur Menschen.“ Im 49
Millionen Einwohner fassenden Südafrika, das flächenmäßig viermal so groß ist wie
Deutschland, leben 39 Millionen Schwarze, die meisten davon in Armut.
Unterstützt vom Männerchor Wilnsdorf unter der Leitung von Gerald Pauly und mit
freundlichen Worten von Pastor Uwe Wiesner bedacht, schloss die Wilnsdorferin ihren
Vortrag mit eindringlichen Worten: „Wir können nicht die ganze Welt verändern, die Welt
eines Kindes aber sehr wohl.“